Anima Next Generation

1987 gründete Jos van Immerseel Anima Eterna Brugge, ein Orchester, das nicht nur seinen Namen trägt, sondern auch seine Mission mitträgt: das ursprüngliche Wesen und die Seele einzelner Werke aufzuspüren und weltweit erlebbar zu machen. Seine Leidenschaft als Kammermusiker bringt ihn immer wieder mit seelenverwandten Künstlern auf internationalen Bühnen zusammen.

Korneel Bernolet (Beethoven Sinfonie n°9, 2018)

Nach den ausgedehnten Aktivitäten zu seinem 70. Geburtstag im 2015, schlägte Jos van Immerseel noch ein weiteres Kapitel auf: Die Nachwuchsförderung!

Anima Next Generation ist ein einzigartiges Projekt, das der erfahrene van Immerseel gemeinsam mit zwar jungen, jedoch erfahrenen und virtuosen Künstlern aus der Taufe gehoben hat, die den gleichen musikalischen und künstlerischen Ansatz verfolgen wie der Maestro selbst: es zählt Authentizität in aller Konsequenz! Dazu bedarf es – außer den der Epoche angemessenen Instrumenten – eingehender Recherche und gründlicher Erforschung von zeitgenössischen Dokumenten, Archivmaterial und Sekundärliteratur.


Jakob Lehmann & Chouchane Siranossian (Mendelssohn concerto, 2016)

 

  • Jos van Immerseel, worum genau geht es bei ‚Anima Next Generation’?

JVI: Ich habe die Weitergabe musikalischen Wissens auf direkte Weise und aus der Praxis heraus immer als die ‚Wurzel‘ des musikalischen Interesses gesehen. Ich glaube an die Kraft und die Möglichkeiten von Musikerziehung. Darum bietet Anima auch schon seit vielen Jahren in Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Concertgebouw Brugge, dem Städtischen Konservatorium Brügge und dem Königlichen Konservatorium Antwerpen diverse Bildungsaktivitäten an. Das geht von Workshops an Grundschulen im Anschluss an eine öffentliche Probe bis hin zu Meisterklassen für angehende Berufsmusiker, geleitet von Anima-Musikern.

Der Kern von Anima Next Generation ist jedoch die nachhaltige Zusammenarbeit, die wir mit jungen Musikern aufbauen – wie mit Chouchane Siranossian – sowie mit Assistenz- oder Gastdirigenten – wie Korneel und Jakob. Das sind talentierte, ernsthaft interessierte junger Musiker, die schon über ein gutes Gefühl für historische Aufführungspraktiken verfügen. Ich möchte ihnen dabei helfen, dies zu vertiefen und zu verstärken, indem ihnen möglichst viele Chancen geboten werden, Erfahrungen zu sammeln.

 

  • Was macht Anima für diese jungen Musiker zu einem fruchtbaren Boden?

JVI: Ein Orchester wie Anima ist ein einzigartiges Arbeitsinstrument. Jedem Konzert und jeder Aufnahme gehen minutiöse, intensive Forschungen voraus. Vor allem für das spätere Orchesterrepertoire ist ein so tiefgehendes Vorgehen einzigartig. Daher ist die Umgebung, der Rahmen, den wir jungen Musikern bieten können, so besonders – und ein Projekt wie Anima Next Generation meiner Meinung nach notwendig.

 

  • Mit dem Arbeiten aus der Praxis heraus und dem Schwerpunkt auf historisch inspirierte Aufführungen neueren Repertoires arbeiten Sie komplementär zum traditionellen Musikunterricht…

JVI: …der aus meiner Sicht viele Chancen ungenutzt lässt. Ich habe das Gefühl, dass der traditionelle Musikunterricht – bis auf wenige Ausnahmen – sich die letzten 30 bis 40 Jahre zu wenig mit der musikalischen Praxis mitentwickelt hat. Und das trotz den enormen Wegs, den die ‚Alte Musik-Bewegung‘ inzwischen zurückgelegt hat!

 

  • War es zu Ihren Studienzeiten anders und besser…?

JVI: Ganz und gar nicht. Es gab schon Musiker, die sich mit Barockmusik aus historischer Sicht heraus befassten, aber für die Umsetzung dieser Vorgehensweise bei einem späteren Repertoire gab es noch keine Basis. Eine Ausnahme stellte die Orgelklasse des Antwerper Konservatoriums dar: Dort hatte man begriffen, dass es schlichtweg unmöglich ist, 10 Jahrhunderte Musik auf ein und demselben Instrument zu spielen. Sie machte mir klar, dass ein Komponist Musik nur für die Instrumente erdacht und aufgeschrieben haben konnte, die er kannte, und dass es daher logisch ist, diese als Ausgangspunkt zu nehmen. Ich nenne das die ‚offensichtliche Herangehensweise’ – eine Bezeichnung, die ich viel lieber verwende als das unverbindliche ‚historisch inspirierte Aufführungspraxis‘.

Dass der Musikunterricht nicht ausreichend aufgegriffen hat, was Musiker und Forscher in den vergangenen Jahrzehnten verwirklicht haben, spiegelt sich übrigens auch in der heutigen Musikszene wider. Mir erscheint es oft so, als hätten die Ikonen von vor einem halben Jahrhundert noch immer das Alleinrecht auf interessante Ideen und aussagekräftige Interpretationen, obwohl seitdem enorm viel Forschung durchgeführt wurde, viel Repertoire entdeckt und sich faszinierende neue Stimmen meldeten. Ich finde es schade, dass diese Stimmen nicht etwas häufiger gehört werden und dass ihre Gelegenheiten, mit alten Hasen wie mir in Dialog zu treten, so selten sind. Dem hoffe ich mit Anima Next Generation ein wenig Abhilfe zu schaffen.

 

  • Das ‚Warum’ von Anima Next Generation ist damit geklärt, aber: warum jetzt?

JVI: Ich fand, dass nach 30 Jahren der Moment gekommen war, dafür zu sorgen, dass die Erfahrung und Expertise, die wir aufgebaut haben, nicht verloren geht. Mit oder ohne mich: das Orchester muss sich weiterentwickeln, und das kann es nur, wenn ich mehr als eine ‚leere Hülle’ hinterlasse. Der Schlüssel zu Animas Zukunft, und davon bin ich überzeugt, ist das Kapital an Wissen, das wir aufgebaut haben. Ich betrachte es als ein Lebenswerk von vielen, das noch weiter wachsen und Früchte tragen sollte.