Erard Gotik Doppelpedalharfe – Paris Nr. 4623

Diesen Harfentyp ließ Pierre-Orphée Érard (1794-1855) 1836 in London patentieren. Das Instrument ist größer und schwerer gebaut als die Doppelpedalharfe, die sein Onkel Sebastian Érard1 (1752-1831) patentieren ließ und produzierte.

Das „gotische“ Modell (benannt nach dem ‚gotischen’ Stil von Säulenverzierungen) hat 46 oder 47 Saiten (statt 43) – die Anzahl, die bis heute bei Konzert- und Pedalharfen verwendet wird. Dieser Typ wurde sowohl in London wie auch in Paris gebaut, wenn auch mit kleinen Unterschieden – wie den zwei Löwen, die auf dem Fuß der französischen Version angebracht sind im Unterschied zu Drachen mit Flügeln auf dem Fuß der englischen. Das Instrument kannte übrigens noch weitere Ausführungen und wurde unter anderem in einer Variante angefertigt, die sich stilistisch von Harfen aus dem 18. Jahrhundert inspirieren ließ.

Der Resonanzkörper, den Pierre-Orphée Érard – wie übrigens auch sein Onkel – in diese Harfen einbaute, besteht aus nur einer einzigen Schicht Holz. Die Maserung verläuft horizontal, sodass jede Saite mit ihren eigenen Maserungslinien resoniert und dadurch auch einen spezifischen Klang erhält. Das Gesamt-Klangbild ist äußerst klar: jeder einzelne Ton ist gut zu hören.

Die Érard Gotik wurde schnell weltweit verwendet, sowohl von Solisten wie auch in Orchestern. Ein paar berühmte Fans dieser Harfe sind: Alphonse Hasselmans, Elias Parish-Alvars, Lily Laskine und Marielle Nordmann. Glücklicherweise sind heute noch einige bespielbare historische Exemplare zu finden, wenn auch die Mechanik dieser Instrumente im Laufe der Jahre oft etwas unsauber wurde – die Restaurierung ist leider eine sehr teure Angelegenheit …

Mit diesem herrlichen Instrument durfte ich bei Anima Eterna Brugge schon einige Orchesterpartien spielen (u.a. von Franz Liszt und Maurice Ravel) und diverse Aufnahmen realisieren (darunter Debussy – ZZT 313 und Nikolai Rimski-Korsakow & Alexander Borodin – ZZT 050502). Zu den Momenten, die bei mir einen besonders tiefen Eindruck hinterließen, gehört ein Anima-Konzert in Nürnberg im Frühjahr 2015, wo die Érard Gotik Nr. 4623 sich in all ihrer Pracht in Debussys Danse sacrée – Danse profane (1904) zeigen durfte. Ich nehme sie daher auch wieder mit Freude für das brandneue Programm Por favor in die Hand!

Marjan de Haer

1 Sebastian Érard ist für die Entwicklung der Harfe von großer Bedeutung, da er die Mechanik und die Bauweise des Instruments veränderte. Pierre-Orphée Érard schrieb1821 ein kleines Buch über die Neuerungen, die sein Onkel eingeführt hatte: The harp in its present improved state compared with the original pedal harp.